Stil als (geistiges) Eigentum

Der hohe Dienst, den Stile und Stildiskurse der Identitätsbildung oder sozialen Distinktion erweisen, wird immer dort besonders augenfällig, wo Stil in Zuspitzung entsprechender Funktionen sowie in Analogie zum materiellen Eigentum als ein vermeintlich zu besitzendes Gut ausgewiesen wird. Deshalb möchte die Tagung mit dem geistigen Eigentum und dem Stil dem Verhältnis zweier in unterschiedlichen disziplinären Kontexten entwickelten Modelle nachspüren, die ihre wesentlichen systematischen Konzeptualisierungen jeweils erst im 19. Jahrhundert erfuhren und deren gegenseitigen Impulse von den jeweils zuständigen Fachdisziplinen erst in Ansätzen in den Blick genommen werden konnte.

Einerseits gerieten dort, wo die Konjunkturen der Bemühungen um einen juristischen Schutz des geistigen Eigentums auf die Genese neuer Speicher- und Reproduktionsmedien zurückgeführt wurde, schnell die ethischen und ästhetischen Wertesysteme aus dem Blick, die diesen Bemühungen vorangehen und ihnen den Rahmen stecken mussten. Andererseits konnte dort, wo die Optionalität von Stilen auch als Option zur Profilierung sozialer Identität verstanden wurde, schnell übersehen werden, dass die praktischen, theoretischen oder historiografischen Inbesitznahmen eines Stils sich ihrerseits an den jeweils aktuellen Modellen des Eigentumsrechts zu orientieren hatten. Nicht zuletzt ist der Stil, so viele possessive Begehrlichkeiten er auch zu wecken vermochte und so sehr eine Gesetzgebung auch das Kopieren einzelner Kunstwerke kriminalisierte, der Teil von Kunstwerk und Werkgruppe geblieben, der sich der Justiziabilität bis heute aufs Hartnäckigste entziehen konnte. Der „Besitz“ von Stilen wird über deren Ideologisierungen, Pathologisierungen oder Beschwörungen, über Gebote oder Tabus, nicht aber vom Gesetz geregelt. Umso mehr entwickelte der Stilbegriff seine höchste soziale Relevanz stets in den Momenten, in denen er seinen Gegenstand als Besitzgut verstanden wissen wollte.

Entsprechend möchte die Tagung die Wechselwirkung der Denkfiguren Stil und geistiges Eigentum sowie die Institutionalisierungsprozesse alternativer „Gesetzgebungsverfahren“ im rechtsfreien Raum des Stils in den Blick nehmen. Im epochenübergreifenden Vergleich sollen die theoretischen und historiografischen Inbesitznahmen von alten und neuen Stilen, von Prozessen ästhetischer In- und Exklusion, Methoden der Regulierung und Ahndung sowie jeweilige Rückwirkungen auf die künstlerische Praxis untersucht werden.

Willkommen sind Themenvorschläge insbesondere zu folgenden Fragestellungen:

Inbesitznahmen, Erbe, Erbrecht

  • Wer ist eignendes Subjekt, wer besitzt den Stil (Epoche, Gruppe, Individuum, Werk)?
  • Welche Wege kollektiven Stil-Erwerbs lassen sich beschreiben, welche Narrative konsolidiert die Künstlerbiografik in Bezug auf die individuelle Suche und Inbesitznahme des jeweils eigenen Stils?
  • Welche politischen Maximen, welche Kultur- und Geschichtsmodelle, welche Konzepte von Privat- und Gemeinbesitz organisieren und regulieren das „Erbrecht“ des Stils?
  • Zu was verpflichtet oder befähigt der Besitz von Stil und was stünde bei seinem Verlust zu befürchten?

Instanzen, Deutungshoheiten, Urteilsmacht

  • Mit welchen Mandaten, Absichten und Argumenten, auf Basis welcher Begleitumstände, Kategorien und Expertisen kann Stil als Eigentumausgewiesen werden?
  • Wie konsolidieren sich Ethiken des Stilbesitzes, wie funktionieren außerjuristische Prozesse der Legitimation von Stilbesitz, wie organisieren sich Modelle der Meinungsbildung, Regulierung, Disziplinierung und nach welchen Mustern gestaltet sich die Ahndung vermeintlich unlauterer Inanspruchnahmen von Stil?
  • Inwieweit nimmt das Modell der Stilhöhen Einfluss auf jeweilige Denkfiguren des Stilbesitzes: Wem steht (welcher) Stil zu?

Künstlerische Praxis

  • Welche Rückwirkungen der Debatten um den Schutz des geistigen Eigentums auf die Stilentwicklung der Kunst lassen sich beobachten, welche Kongruenzen und Koinzidenzen von Rechts- und Stilgeschichte lassen sich bestimmen und kausal erklären?
  • Wieweit muss ein Stil in Theorie, Historiografie und Praxis definiert, konturiert, reduziert oder konkretisiert werden, damit er erfolgreich als ein Eigentum kommuniziert werden kann?
  • Wo verlaufen die (moralischen) Grenzen zwischen Stil- und Werkkopie, zwischen Hommage und Plagiat?

Bitte senden Sie Ihr Abstract für eine maximal 30-minütige Präsentation (bis 3000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sowie ein knappes Curriculum Vitae mit dem Betreff „Stil als Eigentum“ an Prof. Dr. Tanja Michalsky (michalsky[at]biblhertz.it).